Herbstwald

Herbstwald

Das aktuelle Sturmtief hat in rasantem Tempo den Herbst zu uns gebracht. Grund genug für ein entsprechendes Thema in unserer „Kunst am Dienstag“, die wir heute gerne nachreichen wollen. Es geht um ein Kunstwerk, das im Bonner Kunstmuseum hängt (unbedingte Besuchsempfehlung) und das erste Gemälde war, mit dem ich mich während meines Studiums auseinander gesetzt habe. Die Rede ist von Heinrich Nauens „Herbstwald“, einem leuchtenden Bild in Öl auf Leinwand. Im Besitz des Kunstmuseums ist es seit 1963.

Der Betrachter hat bei dieser Arbeit das Gefühl, einen sanft ansteigenden Hügel hinauf zu blicken, der mit herbstlich bunt gefärbten Bäumen bewachsen ist. Die Darstellungsweise ist stark vereinfacht, es lassen sich keine einzelnen Blätter oder Rindenstrukturen erkennen, nur erahnen. Durch die Farbigkeit und die Pinselführung wirkt das Bild sehr dynamisch.

Der „Herbstwald“ ist eines von drei Waldbildern, die Nauen 1911 im Buchenhochwald von Schloß Dilborn malte. Sie entstanden kurz nach seinem Umzug von Berlin zurück in seine Heimat am Niederrhein. Dieser Umzug bewirkte bei ihm eine Art Hochgefühl, er konnte seine psychische Anspannung, unter der er in Berlin gelitten hatte, ablegen und gewann neues Vertrauen in seine künstlerischen Fähigkeiten. Für Nauen war die Landschaft am Niederrhein ein wichtiger Teil seiner künstlerischen Identität, er war ein sehr naturverbundener  Mensch. Die Parkanlagen und die weite Landschaft um Schloss Dilborn boten ihm deshalb einen wahren Motivreichtum.

Nauen widmete sich von nun an bei vielen seiner Landschaftsmalereien dieser Vielfalt der Natur um Schloß Dilborn. „Herbstwald“ spiegelt seine Liebe zu diesem Genre, dieser Gegend und sein zu dieser Zeit wieder aufkommendes positives Lebensgefühl wieder. Es lässt sich erkennen, dass sich Nauen nun nicht mehr so intensiv wie vor 1911 von Van Gogh inspirieren ließ, sondern sich mehr an Matisse und dem Fauvismus orientierte. Dies sieht man besonders deutlich daran, dass er nun den Ausdruck der Farbe und den dekorativen Charakter über eine möglichst naturalistische Farbdarstellung stellte.

Das Bild strahlt Bewegung aus. Die Bäume wiegen sich sanft im Wind, die Blätter sind in Bewegung. Einige schweben von den Baumkronen auf den Boden, wo schon viele andere liegen und sich rot verfärbt haben. Es ist absehbar, dass sich bald auch die noch grünen Blätter gelb färben und von den Zweigen lösen werden.

Was hier von Nauen in „Herbstwald“ festgehalten wird, ist der Höhepunkt des Herbstes. Der Zerfall hat zwar schon begonnen, ist jedoch noch wunderschön lebendig anzusehen, da die Blätter noch in allen Farben leuchten und die Bäume noch nicht gänzlich kahl sind. Der Himmel ist blau und frei von Wolken, für den Betrachter ist es also ein Leichtes, sich einen schönen sonnigen Herbsttag vorzustellen – ganz ohne Sturm.

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